Geist Anna
hat keine offizielle Spuk-Lizenz, trotzdem geistert sie in der Villa Heimenstein herum.
Sie haben es wieder getan – und wie! Drei Jahre nach dem Sieg über den Atlantik, gewannen Hurni und Co. die Pazifik Challenge in Rekordzeit.
Meilenstein Zwar erlebte das «Swiss-Raw»-Team einige extrem schwierige Situationen – ans Aufgeben hätten sie aber auch da nie gedacht, so der Seuzacher Jan Hurni im nachfolgenden Interview.
Schaukelt es noch an Land, spüren Sie Muskelkater, Blasen an den Händen und andere Nachwehen der grossen Strapazen?
Jan Hurni: Kaum zurück an Land, machte sich der Unterschied sofort bemerkbar. Wir torkelten wie Betrunkene. Nach drei Tagen hatte ich mich dann aber wieder an festen Boden unter den Füssen gewöhnt. Muskelkater und Gelenkschmerzen spüre ich nach wie vor, besonders die Fingergelenke schmerzen vom ständigen Halten der Ruder. Die Blasen an den Händen hat meine Freundin versorgt, sie schnitt sie auf und behandelte sie mit Wundsalbe.
Wir torkelten wie Betrunkene. Nach drei Tagen hatte ich mich dann aber wieder an festen Boden unter den Füssen gewöhnt.
Wie viele Kilos haben Sie in den 25 Tagen verloren?
Sechs Kilogramm habe ich verloren – diesmal deutlich weniger als bei der Atlantiküberquerung. Damals waren es 21 Kilo. Ich habe gezielt mehr gegessen, um Energieeinbrüchen vorzubeugen, mit kalorienreichen Getränken und kleinen Snacks wie Militärschokolade und Gummibärchen zwischen den Ruderschichten. Nach jeder Schicht habe ich 1500 Kalorien zu mir genommen.
Was war das für ein Gefühl, als Sie den Zielstrich auf Hawaii überquert haben?
Der Moment der Zielankunft auf Hawaii war überwältigend. Ein Gefühlsmix aus Erleichterung, Erlösung, Stolz und tiefer Dankbarkeit.
Über den Atlantik hatten Sie 35 Tage, von Kalifornien nach Hawaii nur 25 Tage – ein insgesamt «leichteres» Rennen?
Das Rennen war zwar kürzer, aber keineswegs einfacher. Die zehn Tageweniger spürt man körperlich und man ist sich bewusst, dass das Leiden früher endet. Die Wetterbedingungen waren jedoch deutlich anspruchsvoller als beim Atlantik. In den ersten 7 bis 10 Tagen kämpften wir mit Gegenströmungen und heftigem Nordwind. Jeder Ruderschlag fühlte sich an, als würde man ihn durch Honig ziehen. Zudem brachten die Wellen aus dem Nordwind unser Boot ständig aus dem Gleichgewicht.
Waren umgesetzte Erfahrungen der Atlantik-Überquerungen Teil des Erfolgsrezepts?
Wir haben aus jenen Erfahrungen viel gelernt. Wir setzten diesmal auf ein Boot aus Vollcarbon statt Glasfaser, trainierten intensiver und haben taktisch einiges angepasst. Wir spielten im Team viele Szenarien durch und arbeiteten mit einem Instruktor an den entscheidenden Abläufen. Rückblickend war das eine klare Weiterentwicklung körperlich, taktisch und mental.
Was waren in den gut drei Wochen die grössten Herausforderungen und Gefahren?
Die gefährlichste Situation erlebten wir in einer stürmischen Nacht. Meterhohe Wellen schleuderten uns herum und überfluteten das Boot. Um es zu stabilisieren, warfen wir ein improvisiertes Bremssystem aus: Seile mit Knoten und einer leeren Isostar Flasche, die als Widerstand diente. So konnten wir verhindern, dass uns eine Welle komplett «verschluckte».
Auf acht Metern vier Mann in einer 25-tägigen Dauerbelastung, wenig Schlaf, das muss auch mal zu Stress untereinander führen?
Unser Alltag war durchgetaktet: Zwei Stunden rudern, zwei Stunden Pause. In den Pausen musste man essen, sich pflegen und schlafen. Effektiv blieben meist nur 80 bis 100 Minuten Schlaf. Das führte zu Reibereien, klar, aber wir haben das als Team gut gemeistert.
Am Start und vor dem Ziel ist die Euphorie gross, wie aber haben Sie sich in den langen rund 20 Tagen dazwischen motiviert?
Die Motivation kam aus der Verantwortung für einander. Ich wollte meine Kameraden nicht enttäuschen, bemühte mich stets pünktlich zu sein – auch wenn ich fünf Mal verschlief. Irgendwann kommt man in einen Rhythmus. Auf dem Boot muss man sein Ego hinten anstellen.
Haben Sie jeweils gewusst, wo die Gegner sind?
Unsere Devise: So schnell wie möglich raus aus dem zähen Teil der Strecke. Die Mitstreiter hatten keinen Einfluss auf unsere Strategie. Wir wollten unbedingt die Gegenströmungen bei Monterey hinter uns lassen, «Durch den Honig», wie wir es nannten. Unsere Pace hielten wir konsequent hoch,trotz aller Herausforderungen.
Gab es Knackpunkte, an denen ans Aufgeben gedacht wurde?
Ans Aufgeben war nie ernsthaft zu denken – auch wenn es eng wurde. Nach der stürmischen 15ten Nacht, mussten wir uns neu sammeln. Jedoch redeten wir offen, konnten darüber lachen – und fanden so wieder den Fokus.
Die Reaktionen auf die aussergewöhnliche Leistung in den Medien waren gross, können Sie dies auch finanziell ummünzen?
Die Resonanz in den Medien war überwältigend – dafür sind wir sehr dankbar. Finanziell stehen wir noch nicht ganz auf eigenen Beinen. Falls man uns unterstützen möchte, kann man dies direkt auf unserer Webseite www.swiss-raw.ch oder auf der «Go Fund me» Website. Wir bieten auch Vorträge an, um den Teamgeist Ihres Unternehmens zu unterstützen.
Bildlich vorstellen kann man sich Ihre grossartige Leistung nur bedingt, ist eine Filmdoku geplant?
Eine grössere Dokumentation ist im Gespräch, aber noch ungewiss. Rudern ist in der Schweiz eine Randsportart, entsprechend klein sind die Chancen. Was aber gut funktioniert: Unsere Multimedia-Vorträge. Diese geben wir sehr gerne.
Der Heiratsantrag an meine Freundin hat vor einem Tag auf Kauai stattgefunden, entsprechend folgt nun die Planung.
Jetzt haben Sie beide grossen Rennen gewonnen, den Weltrekord geknackt – toppen kann man das nicht mehr oder bestehen bereits neue Pläne?
Wir sind sehr stolz auf das Erreichte – als Binnenland eine solche Leistung zu erbringen. Einige denken bereits über Ultramarathons nach. Ich persönlich fokussiere mich erstmal auf meine Familie. Der Heiratsantrag an meine Freundin hat vor einem Tag auf Kauai stattgefunden, entsprechend folgt nun die Planung. Ich bin einfach dankbar, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben – und die wunderschöne Insel Kauai zu geniessen.
Interview: George Stutz
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